Thursday, July 19, 2012

Viva a Pixação, arte como crime, crime como arte!

Ah! Kunst als Verbrechen und Verbrechen als Kunst. Die bösen Genies der besseren Zukunft sind da wohl Pate gestanden. Leider nein, es ist nur die Kultur-Bourgeoisie, die auf Ihrer Suche nach dem nächsten großen Ding, bei Pixação und den Pixadores (die ausführende Malermeister) gelandet ist. Deren meist nächtliche Beschäftigung ist es, auf Häuser und Wände Zeichen zu hinterlassen, eine Art Alphabet, dass sich aus Runenschriften und - Haltet euch fest! - Heavy Metal Covern von Platten herleitet. Manowar als die Wiege moderner Kultur.... ich könnte gackern. Ich persönlich denke, dass die Galerien, das Feuilleton und die Bagage der intellektuellen Kultur- und Gutmenschen letzten Endes viele Hintergründe dieser Kultur einfach missverstehen oder falsch interpretieren. Das Manifest der diesjährigen Berlin Biennale gibt beispielsweise Folgendes zum Besten:

"Wir glauben, dass Politik eine der komplexesten und schwierigsten menschlichen Tätigkeiten ist. Wir haben KünstlerInnen, AktivistInnen und PolitikerInnen getroffen, die sich durch ihre Kunst nachhaltig politisch engagieren."

Das Wort "Kunst" wurde also schon in den Mund genommen und Einladungen des hiesigen Kulturbetriebes gingen an die fernen Fassadenmaler. Das Zusammentreffen war von Schwierigkeiten geprägt, denn der durchschnittliche Pixador engangiert sich nicht politisch durch Kunst, vor allem nicht nachhaltig. Die Zeichen sind nicht Ausdruck eines künstlerischen Selbstverständnisses, sondern es sind Urinmarkierungen im Revier des besser gestellten Teil der Gesellschaft. Eine Währung, mit der vor allem symbolisches Kapital erworben wird. Die Höhe des gewonnenen Kapitals wird durch die Gefährlichkeit der Aktion und die Höhe der angebrachten Malerei mitbestimmt.


Und wie wird Kunst daraus? Wir erinnern uns: Kunst wird durch den Ausschluß von Nicht-Kunst definiert, ein Vorgang, der jederzeit von Gesellschaftsmitglieder mit genügend Deutungshoheit initiiert werden kann. Hier beginnt die Kunst, dort endet diese. Unter Lebensgefahr den Pinsel geschwungen! Wild und Gefährlich! Romantisch und aufregend! Ergo: Kunst. Könnte es sein, dass hier heimlich die Hoffnung existiert, dass etwas von diesem wild romantischen Malstil auf die Kuratoren und Galerienbesitzer abfärbt? Ich umgebe mich damit und werde interessanter? Der gute Sigismund F. würde leicht erregt im Kreis mit erhobenen Finger hüpfen, das ist sicher.

Aber wenn es nicht Kunst ist, was ist es dann? Die Zeichen, Sprache - was auch immer - sind Bestandteil einer kulturellen Identität, die aus Diskriminierung und Ausgrenzung entstanden ist, kurz: Sichtbarer Ausdruck eines gewollten Widerspruchs und Abgrenzung zum Rest der Menschheit. Denn besagte kulturelle Identität wird - unter anderem - durch die Wahrnehmung und Unterscheidung bestimmt: Ich bin anders als Nachbars Pudel und ich will auch kein Pudel sein. Hart wird es, wenn man besagter Pudel ist und vom Rest der Welt nicht akzeptiert wird. Pixadores sind die malenden Pudel von São Paulo, man geht von mehreren Zehntausend in der Stadt aus, die meist aus der untersten Etage der Gesellschaft stammen: Chancen zu einem gesellschaftliche Aufstieg in sozialer oder monetärer Hinsicht ist praktisch Null, Nada, Niente, Nothing. Hart gesagt: Kunst ist das letzte, an was ein Pixador denkt, wenn er in der Nacht unterwegs ist. Ein Stinkefinger Richtung der besser gestellten Gesellschaftsmitglieder und Ruhm oder Ehre unter seinesgleichen sind Motivation und Antrieb.

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